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16.04.20

DER BRAND VON NOTRE-DAME UND SEINE AUSWIRKUNGEN

Am 15. April jährt sich der Brand der Pariser Kathedrale Notre-Dame. Das Gotteshaus – ein Nationaldenkmal Frankreichs – wurde bei dem verheerenden Feuer schwer beschädigt.

Welche Folgen hat der Brand der Kirche für Sakralgebäude in Deutschland aus versicherungstechnischer Sicht? Wie wird heute auf die Ereignisse des 15. April 2019 geschaut? Dazu haben wir Lutz Dettmer befragt, der für unsere Unternehmensgruppe das Sachgebiet Kirche leitet.

Lutz Dettmer ist erfahren in Sachen Versicherungsschutz für Kirchen und hat schon die Schadenabwicklung einiger Kirchenbrände begleitet – dennoch verfolgte er wie viele andere am 15. April gebannt die Nachrichten und Bilder aus Paris, als die Flammen hoch aus dem Dach des Kirchenschiffes schlugen und der Vierungsturm in sich zusammenstürzte. „Eine Brandkatastrophe dieses Ausmaßes hat es in Deutschland seit dem Zweiten Weltkrieg glücklicherweise nicht gegeben“, sagt er.

In den Tagen danach wurde Lutz Dettmer zu einem viel gefragten Ansprechpartner. Nicht nur Kunden informierten sich über die genauen Modalitäten der Versicherung ihrer Kirche, über die Versicherungswerte und über Bewertungsgrundlagen. Auch Radio- und Fernsehsender sowie Zeitungen aus Deutschland wollten wissen, ob und wie Kirchengebäude versichert werden können. Ähnliche Anfragen erreichten unsere Niederlassungen in Österreich und Belgien.

Lutz Dettmer konnte beruhigen: In Deutschland sind Gebäude im kirchlichen Eigentum regelmäßig gegen Feuerschäden versichert. Das gilt auch für die Gotteshäuser selbst – von der kleinen Dorfkirche bis zur Kathedrale. In Frankreich hingegen gehören die meisten Kirchengebäude dem Staat, der nicht versichert ist und für Schäden selbst aufkommt – ein erheblicher Unterschied.

Die meisten Landeskirchen und zahlreiche Bistümer werden von unserer Unternehmensgruppe als Interessenvertreter gegenüber den Versicherern betreut. „In den von uns entwickelten Deckungskonzepten sind unter anderem Gutachterkosten, die Räumung der Brandstelle oder Architektenkosten für neue Baupläne zum Wiederaufbau abgesichert“, schildert Lutz Dettmer.

Gleichwohl gingen die Kirchenexperten unserer Unternehmensgruppe nicht zur Tagesordnung über, nachdem sich die erste Aufregung um den Brand in Paris gelegt hatte. Sie stiegen in die Analyse ein. Lutz Dettmer: „Wir haben kritisch die Versicherungssummen der Großkirchen geprüft, die wir betreuen. Dabei hat sich aber herausgestellt, dass große Veränderungen nicht notwendig waren, die Taxierungen unserer Architekten waren passend.“

Ein Blick in die Schadendatenbank unserer Unternehmensgruppe mit dem Fokus auf die Brandschäden an Kirchen ergab weitere interessante Fakten. Die Hauptursache für Brände sind unsachgemäße Bau- oder Sanierungsarbeiten beziehungsweise mit solchen Arbeiten in Verbindung stehende Ereignisse. Auch an Notre-Dame waren Sanierungsarbeiten im Gang. Aber es muss betont werden, dass die Brandursache bis heute nicht feststeht.

Die Leitfrage der Detmolder Schadenexperten war jedoch eher, wie man proaktiv das Risiko, das solchen Arbeiten innewohnt, verringern kann. Sie fanden Anbieter von mobilen Brandmeldeanlagen, die mittlerweile bei Kirchensanierungen empfohlen werden und bereits zum Einsatz kommen. Davon abgesehen verfügen viele Kirchen schon lange über fest installierte Brandschutzanlagen wie Rauchmelder und Steigleitungen, über die die Feuerwehr Löschwasser bis hinauf in die Türme bringen kann.

Indirekt zeigt der Kirchenbrand noch andere Folgen. In Deutschland sind Sakralgebäude in der Regel über Sammelverträge der Landeskirchen und Bistümer versichert. Diese Verträge sind aber schon merklich durch sogenannte Frequenzschäden wie Sturm- und Leitungswasserschäden belastet. Deshalb haben Versicherer Prämienanpassungsbedarf angemeldet. Es sei nachvollziehbar, dass die Versicherer für Großschäden entsprechende Rücklagen bilden müssten, erklärt Lutz Dettmer. Prämienerhöhungen mit Augenmaß seien daher diskutabel.

Unmittelbar nach dem Brand in Paris hatte der französische Präsident Emmanuel Macron gesagt, innerhalb von fünf Jahren werde Notre-Dame wiederaufgebaut. Aber bisher ist noch kein neuer Stein gesetzt worden. Medienberichten zufolge soll erst im Juni feststehen, wie lange der Wiederaufbau dauern wird und welche Kosten dafür anfallen. Bis dahin seien aber bereits 85 Millionen Euro für Prüfungen und Vorbereitungen ausgegeben, wird der Pariser Erzbischof Michel Aupetit zitiert.

„Das zeigt, dass solche Schäden nicht innerhalb eines Jahres abgewickelt werden können. Die Restaurierung der Grabtuchkapelle im Turiner Dom nach einem Brand 1997 hat mehr als 20 Jahre gedauert“, berichtet Lutz Dettmer. „Damit über einen derartig langen Zeitraum die Interessen des Versicherungsnehmers bei der Schadenabwicklung gewährleistet bleiben, ist es sinnvoll und notwendig, dass wir als Versicherungsmakler im Dauermandat arbeiten“, erklärt er.

 

Thorsten Engelhardt

thorsten.engelhardt@ecclesia-gruppe.de

 

 

Spendenaufrufe nach Kirchenbränden

Kommt es zu einem der glücklicherweise seltenen Brände in Kirchen, ergeht meist auch ein Spendenaufruf für den Wiederaufbau. Im Fall von Notre-Dame, die als Eigentum des französischen Staates nicht versichert ist, ist das hilfreich. In Deutschland hingegen sind solche Spendenaufrufe für den Wiederaufbau kontraproduktiv, erklärt Lutz Dettmer: „Denn die Gebäude sind ausreichend versichert und Spenden sind zweckgebunden einzusetzen.“ Wenn Spenden erbeten würden, dann besser für den künftigen Erhalt des Gotteshauses.

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