BRANDSCHUTZ – TIPPS VOM EXPERTEN

Wenn ein Krankenhaus, Alten- oder Pflegeheim ein Feuer meldet, dann fahren grundsätzlich viele Feuerwehrleute mit mehreren Löschzügen raus. Denn bei großen Objekten gibt es schnell etliche Verletzte.

Deren Rettung steht im Vordergrund. Thomas Brüggemeier und Joachim Thies von der Feuerwehr Bielefeld sind bei solchen „größeren Lagen“ als Einsatzleiter vor Ort. Dass bei unseren Kunden ein Brand gar nicht erst entsteht, ist uns als Versicherungsmakler wichtig. Darum haben wir die beiden nach vorbeugenden Brandschutzmaßnahmen gefragt. Im Interview berichten sie von ihren Erfahrungen und worauf Pflegeeinrichtungen und auch Kindergärten achten müssen.

 

Wie steht es Ihrer Erfahrung nach um die Brandgefahr in Krankenhäusern, Wohnheimen, Kindertagesstätten?

Thomas Brüggemeier: In Bielefeld hatten wir den letzten größeren Einsatz im Jahr 2013 mit einem Toten und mehreren Verletzten. Zu Einsätzen wegen angebranntem Essen müssen wir öfter ausrücken. Zum Glück läuft es da meistens glimpflich ab. Auch deswegen, weil in den Heimen Brandmeldeanlagen installiert sind. Als weitere Ursache kommt Brandstiftung vor – wenn man es so nennen kann. Oft sind psychisch Erkrankte die Verursacher, die keine Übersicht über ihr Tun haben oder die suizidale Gedanken haben. Man kann ihnen ja das Rauchen nicht verbieten – und dann entsteht auch mal ein Brand. Es brennt in verschiedenen Gebäudearten, von alten Gebäuden bis hin zu modernen Bauten.

 

Haben sich Anzahl oder Intensität der Brände verändert?

Thomas Brüggemeier: Nach unseren Erfahrungen sind in den vergangenen Jahren die Brände zurückgegangen, auch Fehlalarme. Das liegt unter anderem an der besseren Technik und der besseren Wartung. Neubauten müssen mit Brandmeldeanlagen ausgestattet werden, die zu einer Feuerwache aufgeschaltet sind. Schwierig ist es bei den Gebäuden, die Bestandsschutz haben. Dennoch haben viele Alten- und Pflegeheime inzwischen eine solche Brandmeldeanlage.

Joachim Thies: Für Krankenhäuser zum Beispiel ist es Pflicht, nicht-brennbares Material zu verbauen.

 

Wären Brandmelder in jedem Zimmer sinnvoll?

Joachim Thies: In neuen Häusern sind alle Räume mit Brandmeldern ausgestattet, in manchen alten Häusern jedoch nach wie vor lediglich die Rettungswege, das war damals so vorgeschrieben.

 

Lohnt es sich, das nachzurüsten?

Thomas Brüggemeier: Alles, was Brandschutz besser macht, lohnt sich. Für jede Patientin und jeden Patienten ist es dann sicherer. Allerdings muss jede Maßnahme hinsichtlich der Verhältnismäßigkeit gründlich abgewogen werden.

 

Diskutieren Sie mit den Betreibern über solche Fragen?

Thomas Brüggemeier: Ja.

Joachim Thies: Beispielweise wurde in einem Gebäude die alte Brandmeldetechnik deinstalliert, der neue Schutz war aber nicht erweitert worden. Brandmelder gab es nur auf den Fluren und den Rettungswegen. Unsere Empfehlung war, jedes Patientenzimmer mitzubewachen.

 

Welche Kosten entstehen da?

Joachim Thies: Da sind die Installationskosten, Denkmalkriterien, die vierteljährliche Wartung, die jährliche Begehung durch Wartungsfirmen. Zudem muss alle drei Jahre ein Sachverständiger die Brandmeldeanlagen prüfen. Diese Kosten entstehen unabhängig von der Größe der Einrichtung. Aber je mehr Melder man benötigt, umso höher sind natürlich auch die Kosten.

 

Es gibt wartungsarme Brandmelder, die reduzieren die Kosten.

Joachim Thies: Ja, ebenso „intelligente“ Melder. Die prüfen selbstständig.

 

Was halten Sie von mobilen Anlagen? Die waren ursprünglich für Baustellen gedacht oder wenn Brandmeldeanlagen ausfallen.

Thomas Brüggemeier: Diese Anlagen erfüllen keine bauordnungsrechtlichen Vorgaben. Als temporärer Schutz sind sie im Einzelfall denkbar. Allerdings haben wir kürzlich aufgrund der Funkübertragungen Probleme gehabt.

Joachim Thies: Die lösen unter Umständen nicht aus, weil Handysignale im Raum stören. Man muss sehr darauf achten, was angeboten wird.

 

Nach dem Düsseldorfer Flughafenbrand im Jahr 1996 hat sich viel getan in Sachen Brandschutz.

Thomas Brüggemeier: Wenn Krankenhäuser oder Pflegeheime neu gebaut werden sollen, dann muss bereits im Bauantrag ein Brandschutzkonzept stehen. Da geht es um baulichen und technischen Brandschutz. Die Feuerwehr prüft dieses Konzept und gibt gegenüber dem Bauamt eine Stellungnahme ab. Darüber hinaus gibt es den betrieblichen/organisatorischen Brandschutz. Die Vorgaben aus dem Brandschutzkonzept muss jedes Haus umsetzen. Die Verantwortlichen müssen genau wissen, was das Konzept vorsieht, und entsprechend handeln.

Joachim Thies: Wir erleben immer wieder Unzulänglichkeiten in den Häusern. Das fängt mit dem Holzkeil unter Feuerschutztüren an, geht über Betten, die sauber oder benutzt im Weg stehen, über die Konvektomaten, mit denen das Essen aufgewärmt wird, und endet nicht bei den Türen, deren Schließung defekt ist oder die gar keine elektrische Öffnung und Schließung haben.

Thomas Brüggemeier: Jeder, der im Krankenhaus, Altenheim oder Kindergarten etwas hinstellt, wegnimmt oder derartiges, muss weiterdenken und sich fragen: Welche Konsequenz hat das? Brandschutztüren müssen schließen und dicht sein, dafür müssen die Gummidichtungen in Ordnung sein. Kabelwege durch Brandschutzwände müssen fachgerecht verlegt werden. Durchbrüche müssen auch entsprechend verschlossen werden. Wir Feuerwehrleute würden mangelhafte Veränderungen sofort sehen, aber wir gehen ja nicht jedes Jahr durch.

Joachim Thies: Wir gehen alle drei Jahre durch ein Haus. In der Zwischenzeit kann ganz viel nachträglich eingebaut worden sein.

Thomas Brüggemeier: Bisher konnten wir in Bielefeld die Fristen bis auf wenige Einzelfälle einhalten. Darum haben wir vielleicht auch die gute Bilanz.

 

Wie reagieren die Menschen, wenn es brennt?

Thomas Brüggemeier: Fünf Prozent des betreuenden Personals müssen als Brandschutzhelfer ausgebildet sein – unter Berücksichtigung des Arbeitsschutzgesetzes. Egal, ob ausgebildet oder nicht, Menschen reagieren ganz unterschiedlich, je nachdem, ob sie mutig sind oder ängstlich. Das gilt auch für die Träger eines Krankenhauses, die Pflegeleitung oder die Mitarbeitenden.

 

Schulen Sie die Mitarbeitenden und Verantwortlichen der Krankenhäuser?

Joachim Thies: Es gibt private Anbieter für Schulungen. Wir machen das nicht, dafür reicht unsere Zeit nicht. Übungen führen die Krankenhäuser selbst durch, durch ihre eigenen Brandschutzbeauftragten.

Thomas Brüggemeier: Bei den Übungen wird durchgespielt: Was muss ich machen? Wo sind die Brandmelder? Wie bediene ich die? Wen muss ich informieren? Diese Übungen müssen die Betreiber initiieren.

Joachim Thies: In einer Übung kann man lernen, eine ausgelöste Brandmeldung richtig zu interpretieren. Man muss verstehen, wo wurde zum Beispiel der Handfeuermelder ausgelöst, auf welchem Flur, in welchem Zimmer? Aber auch wenn Entwarnung gegeben wird, kontrollieren die Mitarbeitenden den Auslösegrund und wir als Feuerwehr fahren trotzdem immer hin.

Thomas Brüggemeier: Nicht jeder Fehlalarm wird in Rechnung gestellt. Das prüft der Amtsleiter im Einzelfall. Der Betreiber muss grundsätzlich sicherstellen, dass Fehlalarme zum Beispiel durch Handwerkerarbeiten vermieden werden. Zudem muss er die Brandmeldeanlage regelmäßig warten lassen.

 

Sind Sie auch mal genervt von wiederkehrendem falschen Alarm?

Thomas Brüggemeier: Wir sind dafür da, bei Alarm aufzubrechen. Unsere Motivation ist: Menschenleben zu retten. Als Feuerwehr fahren wir lieber einmal mehr als einmal zu wenig raus.

 

Geben Sie Checklisten für den Brandschutz an die Häuser weiter?

Thomas Brüggemeier: Listen verteilen wir nicht. Nach Brandschauen gibt es Mängelberichte, die die Häuser abarbeiten müssen.

Joachim Thies: Zudem muss es ja für jede baulich-technische Anlage ein organisatorisches Brandschutzkonzept geben. Das ist sozusagen die Bibel des Hauses. Da ist jeder Beteiligte gefragt, die Vorgaben auch umzusetzen. Das Personal muss geschult werden, die Nachtwachen müssen gut ausgebildet sein. Das sind nämlich nur zwei Mitarbeitende für alle schlafenden Bewohner oder Patienten. Tagsüber kriegt man das eher hin mit viel Personal, das unterstützen kann.1

 

Ist die Feuerwehr auch für solche Fälle geschult?

Joachim Thies: Natürlich. Im Pflegeheim ist die Herausforderung größer. Denn da werden die Betten in den Zimmern fest aufgebaut. Die sind nicht zum Verschieben gedacht, anders als im Krankenhaus, da liegen die Patienten in rollbaren Betten. Schon ist die Räumung eine andere Aufgabe. In Alten- und Pflegeheimen räumen wir zum Beispiel mit Hilfe von Evakuierungstüchern. Die liegen unter der Matratze, auf der ein Patient oder Bewohner schläft. Im Brandfall ziehen wir die Menschen auf ihren Matratzen weg, das geht notfalls die Treppen runter.

Joachim Thies: In Kitas liegen die Herausforderungen woanders und heute noch ganz anders als vor zehn, zwanzig Jahren, allein durch die U3-Gruppen mit den ganz Kleinen. Die können nicht laufen, wenn es brennt. Wie geht man mit denen vor? Was sagt man den Größeren? Darüber muss man sich rechtzeitig Gedanken machen.

 

Vor einiger Zeit ist in einer Kita ein Brand ausgebrochen. Wie ist das passiert?

Joachim Thies: Da hat jemand Wasser auf dem Herd erhitzt, den Herd ausgeschaltet, den Topf weggenommen. Jemand anders kam mit dem Mittagessen in Styroporboxen, hat die auf den Herd gestellt und eine Box hat sich entzündet. Das geht ganz schnell.

 

Wo liegen die größten Probleme?

Joachim Thies: Bei den nicht genehmigten Ausbauten. Die haben wir aber in Kitas, Wohnheimen oder Krankenhäusern eher nicht. Das Verantwortungsbewusstsein ist gut. Im Schadenfall landet man nämlich schnell vor Gericht, eine Rauchgasvergiftung kann schnell zu einer Körperverletzung führen. Nicht genehmigte Ausbauten finden wir eher im privaten oder im gewerblichen Bereich, zum Beispiel einen ausgebauten Spitzboden.

 

Beeinflusst Ihre Feuerwehrtätigkeit Sie in Ihren privaten Vorsichtsmaßnahmen?

Joachim Thies: Ja. Keinen Adventskranz mit offenen Kerzen, alle Kerzen immer auf nichtbrennbaren Untersetzern oder in Windlichtern.

Thomas Brüggemeier: Ich übe mit meinen Kindern für den Fall der Fälle, wenn etwas brennt, aber auch, wenn Wasser austritt. Was müssen sie machen, wie bedienen sie die Geräte, wo müssen sie anrufen?

 

Zu den Interviewpartnern der Feuerwehr Bielefeld

Thomas Brüggemeier, 2. stellvertretender Amtsleiter der Berufsfeuerwehr Bielefeld, Geschäftsbereichsleiter Vorbeugender Brandschutz und Aus- und Fortbildung.

Joachim Thies, Abteilungsleiter Vorbeugender Brandschutz. In Bielefeld gibt es einen A-Dienst für die gesamte Stadt, der bei sogenannten größeren Lagen die Einsatzleitung übernimmt. Diese Funktion wird durch die höheren Führungsebenen der Feuerwehr wahrgenommen.

 

Die Fragen stellten Brandschutzexperte Andreas Iwanowicz und Redakteurin Antje Borchers aus unserer Unternehmensgruppe.

 

1 Von der Arbeitsgemeinschaft der Leiter der Berufsfeuerwehren (AGBF) gibt es eine kurze Übersicht über baulichen, anlagentechnischen, betrieblichen/organisatorischen und abwehrenden Brandschutz: 2013-01 Richtlinie Pflege-und Behinderteneinrichtungen

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