PFLEGEKRÄFTE AM LIMIT – ARBEITEN IM ALTENHEIM UNTER PANDEMIE-BEDINGUNGEN

Im Spagat zwischen Vernunft und Herz


Wie ist die Situation in den Altenheimen, wie stellt sie sich an der Basis tatsächlich dar? Eine Hausleiterin hat dem „Informationsdienst“ einen Einblick dazu gegeben. Thorsten Engelhardt, Pressesprecher der Unternehmensgruppe, berichtet.


Kathrin Jung haut so schnell nichts um. Sie ist daran gewöhnt, viele Bälle gleichzeitig in der Luft zu halten, ohne den Überblick zu verlieren. Seit 2014 trägt sie als pflegerische Hausleitung eines Seniorenzentrums der Stiftung diakonis die Verantwortung für 77 Bewohner auf drei Wohnbereichen und 84 Mitarbeitende. Aber die Arbeit unter Pandemie-Bedingungen in den vergangenen Monaten hat Kathrin Jung Substanz gekostet. Ihrem Team geht es da nicht anders. Die Kräfte sind überdehnt. Überdehnt von einem ständigen Spagat zwischen Vernunft und Herz.

Die Tür zum Seniorenzentrum an der Elisabethstraße in Detmold, das Kathrin Jung leitet, ist geschlossen. Hinein darf nur, wer eine Bewohnerin oder einen Bewohner besuchen will. Der Besuch muss sich zuvor registrieren. Bei der Ankunft wird die Körpertemperatur gemessen, Fragen nach Erkältungssymptomen und nach Kontakt mit COVID-19-Infizierten werden gestellt. Selbstverständlich muss der Besuch – maximal zwei Personen sind zugelassen – FFP2-Schutzmasken tragen. Ebenso obligatorisch ist die Einweisung in alle Hygiene- und Verhaltensregeln. Aktuell gibt es nur noch Zutritt mit einem negativen Test, der nicht älter als 48 Stunden ist.

Nachmittags – zur Hauptbesuchszeit – versehen diesen „Türdienst“ rüstige ehrenamtliche Helferinnen und Helfer, die in den Seniorenwohnungen nebenan leben. „Ich wüsste gar nicht, was ich ohne diese Hilfe machen sollte“, gibt Kathrin Jung unumwunden zu. Denn aus ihrem eigenen Team kann sie kaum jemanden abziehen, der beständig Pförtnerarbeiten übernimmt. Jede Hand wird an anderen Stellen gebraucht. Nun, da alle Mitarbeitenden alle drei Tage getestet werden müssen und alle Bewohnerinnen und Bewohner, die das Haus noch verlassen können, einmal in der Woche, gilt das erst recht. Bewohner müssen einen Test bei Rückkehr und drei Tage später erneut einen Test vornehmen lassen.
 

In der Rolle der Verbieterin

Bisher hatte Kathrin Jung keinen COVID-19-Fall in ihrem Haus. Aber ihr ist klar: Wenn die Krankheit auf Dauer draußen bleiben soll, dann dürfte niemand mehr ein- und ausgehen, die Tür müsste komplett geschlossen werden. „Aber das will ja niemand“, sagt sie.

Das ist der Spagat, den Kathrin Jung und ihre Crew ständig vollführen. Sie versuchen, die Kluft zwischen den Wünschen der Bewohner und der Angehörigen auf der einen Seite und der Sorge um die Gesundheit aller Bewohnerinnen, Bewohner und Mitarbeitenden auf der anderen Seite zu überbrücken. Kathrin Jung hat großes Verständnis dafür, dass die Menschen in ihrem Haus gern ihre Angehörigen sehen wollen und umgekehrt. Sie weiß, dass diese Momente immer kostbarer werden, je älter ein Mensch wird. „Und unser Ansatz ist es ja auch, den Menschen ein schönes Leben zu ermöglichen“, sagt sie. „Eigentlich.“ Immer häufiger finde sie sich aber in der Rolle der Verbieterin statt in der einer Ermöglicherin wieder und müsse erklären, dass eben nicht fünf Personen zu einem 90. Geburtstag kommen dürfen und dass das Urenkelkind nicht mit ins Haus darf.
 

Der Tod auf der Intensivstation ist immer jämmerlich

COVID-19 lässt Wünsche dieser Art nicht zu. Jeder fünfte an COVID-19 erkrankte Heimbewohner stirbt. Der Tod auf der Intensivstation, beatmet und schwerst erkrankt, ist immer jämmerlich, egal, wie aufopferungsvoll medizinisches und pflegendes Personal dort arbeitet.

Die Frage, wie dieser Spagat wohl hinzubekommen ist, muss der Träger des Heimes, müssen letztlich Kathrin Jung und ihr Team selbst beantworten. „Wir fühlen uns damit alleingelassen“, kritisiert sie. Es gebe zwar ständig neue Verordnungen, aber die Frage, wie sie befolgt werden könnten, werde nicht beantwortet. Die Größe ihres Teams reiche nicht, um sieben Tage die Woche rund um die Uhr einen Testdienst aufrechtzuerhalten und alles andere auch noch zu stemmen. Personal von außen sei dafür auch nicht zu bekommen, obwohl es sogar finanziert würde.

Die Verbandsvertreter der Sozialwirtschaft haben deshalb bereits Alarm geschlagen. Die Situation in den Heimen sei dramatisch, sagten Caritas-Präsident Dr. Peter Neher und Diakonie-Präsident Dr. Ulrich Lilie im Dezember auf einer Pressekonferenz. Dr. Ulrich Schneider, Hauptgeschäftsführer des Paritätischen, schrieb Ähnliches in einem Brief an Gesundheitsminister Jens Spahn: Die Pflegenden seien am Limit. Und der deutsche Ethikrat forderte Unterstützung durch externe Kräfte. Kathrin Jung ist dankbar, dass zumindest ein Bundeswehr-Soldat jetzt bei den Testungen unterstützt.

„Seniorenheime entwickeln sich zu Hotspots“, „120 Infizierte in Seniorenheim“, „Ein Seniorenzentrum im stillen Ausnahmezustand“ – drei Schlagzeilen aus der zweiten Pandemiewelle. Sie verdeutlichen, dass Pflegeeinrichtungen einen hohen Preis bezahlt haben für das Bemühen, Kontaktmöglichkeiten zu erhalten. Entsprechend setzt Kathrin Jung viel auf den Austausch mit anderen Heimleitungen, um sich auf den Tag vorzubereiten, an dem ein COVID-19-Fall in ihrem Haus auftritt. Die Feiertage zu Weihnachten und über den Jahreswechsel hat sie dazu genutzt, persönliche Kräfte zu sammeln, die sie dann brauchen wird.
 

Corona zeigt: Das Pflegesystem muss reformiert werden

Auf Dauer kann die Situation so nicht bleiben, diese Analyse teilt Kathrin Jung mit den Repräsentanten der großen Wohlfahrtsverbände. Sie sehen in der Personalsituation in den Heimen die größte Herausforderung. „Es waren schon vor der Pandemie zu wenige Pflegekräfte im Einsatz. Corona hat gezeigt, dass das Pflegesystem dringend reformiert werden muss. Das ist die größte sozialpolitische Aufgabe 2021“, sagt Dr. Ulrich Lilie.

Kathrin Jung denkt an die Menschen in der Demenz-Wohngruppe ihres Hauses. Für sie ist es sehr wichtig, die Mimik ihres Gegenübers wahrzunehmen. Das ist unter der Schutzmaske nicht mehr möglich. Durch Berührungen versuchen die Pflegekräfte, diesen Mangel so gut wie möglich wettzumachen. „Welche Auswirkungen das auf Dauer hat, weiß man noch nicht“, sagt sie. „Aber Corona wird unser aller Leben verändern, so viel steht fest.“

Vielleicht führe die Pandemie ja dazu, dass die Situation in der Pflege sich nachhaltig verbessere, sagt sie noch. „Vielleicht bekommt der Begriff systemrelevant ja doch noch mal eine andere Bedeutung.“

 

Thorsten Engelhardt
thorsten.engelhardt@ecclesia.de

 

 

 

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