Welche Schlüsse müssen Krankenhäuser nach gut 15 Monaten COVID-19-Pandemie ziehen? Prof. Dr. Petra Gastmeier, Direktorin des Instituts für Hygiene und Umweltmedizin der Charité in Berlin, stellt bei Ihrer Antwort auf diese Frage vier Punkte in den Mittelpunkt: Es braucht ausreichend und gut ausgebildetes Personal, großzügiger gebaute Krankenhäuser, deutlich mehr Digitalisierung und einen genaueren Blick darauf, an welcher Stelle gespart werden kann und an welcher nicht. Im folgenden Interview berichtet sie zudem darüber, welcher Zusammenhang zwischen COVID-19 und multiresistenten Keimen bestehen kann.

Frau Professorin Gastmeier, eine ganz einfache Frage zum Anfang: Wie kommen wir aus der Pandemie am besten heraus?

Petra Gastmeier: Impfen – so schnell wie möglich und ohne überbordende Bürokratie, um damit die Infektionsketten zu unterbrechen.


Zu Beginn der Pandemie vor mehr als einem Jahr fehlte es allenthalben an Hilfsmitteln – Masken, Schutzausrüstung, Desinfektionsmittel etc. Öffentlich ist das heute kaum noch ein Thema, wie stellt sich die Situation in den Krankenhäusern aus Ihrer Sicht dar?

Petra Gastmeier: Das ist heute kein Problem mehr in den Krankenhäusern.


Wie sind die hygienischen Bestimmungen im Gesundheitswesen und wie sollten sie sein?

Petra Gastmeier: Eine gute hygienische Arbeitsweise im Gesundheitswesen kommt durch Wissen und gute Implementierung zustande. Dabei spielt Leadership eine große Rolle, die konstante Aufmerksamkeit für das Thema und die stringente Umsetzung des Wissens in die Praxis. „Hygienische Bestimmungen“ können nur die Randbedingungen schaffen, zum Beispiel die räumlichen und personellen Voraussetzungen für ein gutes Arbeiten. Das bedeutet aber nicht automatisch, dass es auch wirklich gut läuft. Deshalb muss man sich um die Umsetzung vor Ort regelmäßig aktiv kümmern.


Aus Sicht der Hygienikerin: Was lehrt das Pandemie-Geschehen?

Petra Gastmeier: Ich antworte jetzt mal nur aus der Sicht der Pandemiebekämpfung im Krankenhaus und konzentriere mich auf vier wesentliche Punkte:

Man braucht ausreichend und gut qualifiziertes Personal: Das betrifft die Mitarbeitenden, die unmittelbar in die Behandlung und Pflege der COVID-19-Patienten eingebunden sind, aber auch viele andere Bereiche, die dafür sorgen, dass alles läuft, mögliche Probleme schnell erkannt werden und gezielt gegengesteuert wird – zum Beispiel in Management, Einkauf, Reinigung, Arbeitsmedizin, Hygiene etc.

Wir brauchen wieder großzügiger gebaute Krankenhäuser: Für Infektionsprävention benötigt man einen großen Anteil Einbettzimmer und Zimmer, die groß genug sind, damit man vernünftig infektionspräventiv arbeiten kann. Im Jahre 2015 haben wir eine Bestandsaufnahme in 621 deutschen Krankenhäusern zu diesem Thema gemacht1: Selbst in Intensivstationen befanden sich nur 27,1 Prozent der Betten in Einbettzimmern, in Normalstationen waren es sogar nur 6,4 Prozent der Betten. Die Räume müssen auch ausreichend zu belüften sein – 21 Prozent der Patientenzimmer auf Intensivstationen waren nur über das Fenster zu belüften. Die Pandemie hat aber auch die Defizite in den Personalbereichen gezeigt. Viele Mitarbeitende haben sich in zu engen und schlecht belüfteten Pflegestützpunkten, Arztzimmern und Pausenräumen infiziert.

Die Digitalisierung muss endlich einen richtigen Schub bekommen. Der Stand der Digitalisierung ist hochgradig frustran. So viele für die Infektionsprävention relevante Informationen könnten viel besser aufbereitet und zusammengeführt werden, um gezielte Infektionsprävention zu betreiben und schnell Defizitbereiche zu identifizieren. Dabei klappt es in den Krankenhäusern noch halbwegs gut, in anderen Bereichen des Gesundheitswesens ist es noch ungünstiger.

Es wird an falscher Stelle gespart. Wir brauchen dringend eine wirtschaftliche Unabhängigkeit in Europa im Hinblick auf viele Medizinprodukte und Medikamente. Bereits vor Jahren war klar, dass es nicht sein kann, dass die meisten Antibiotika nur noch in Indien oder China produziert werden und nicht mehr in Europa. Manche Schmalspurantibiotika waren zeitweise plötzlich nicht mehr verfügbar, so dass auf Breitspek­trum-Antibiotika ausgewichen werden musste. Seit Jahrzehnten wird gelehrt, wie man weise Antibiotika-Therapie machen muss, zum Beispiel, in dem möglichst wenig Breitspektrum-Antibiotika eingesetzt wird, und plötzlich gibt es nur solche Antibiotika… Als die Pandemie kam, haben wir gesehen, wie es mit den Masken war, mit Schutzkleidung und nun das Drama mit den Impfstoffen…


Im allgemeinen Alltag spielt die Hygiene bei der Pandemie-Bekämpfung natürlich immer noch eine große Rolle – wie sind Ihre Beobachtungen: Wird dieser Aspekt von der Bevölkerung ernst genug genommen?

Petra Gastmeier: Das wichtigste im Alltag sind natürlich Abstand halten und Masken tragen. Dabei beobachtet man immer noch viele Menschen, die die Maske nicht richtig tragen. Wenn die Maske nicht wirklich Mund, Nase und Kinn bedeckt, können im Falle einer Infektion die Viren trotzdem in die Umgebung verbreitet werden. Es nutzt auch nichts, zum Eigenschutz eine FFP2-Maske zu tragen, wenn sie nicht wirklich dicht am Gesicht anliegt. Wenn man das Gefühl hat, mit diesem Maskentyp nicht ausreichend Luft zu bekommen, sollte man besser einen medizinischen Mund-Nasenschutz tragen.


Lassen sich die Alltagsregeln noch verbessern, um einen größeren Effekt zu erzielen?

Petra Gastmeier: Ich glaube, wir nutzen noch zu wenig die zeitliche Entzerrung von verschiedenen Aktivitäten, zum Beispiel beim Schulbesuch, Einkauf etc. Hier ist mehr Flexibilität notwendig.


Welche speziellen Hygieneregeln haben Sie in Ihren Alltag eingebaut?

Petra Gastmeier: In gehe nur dahin, wo es nötig ist und meide alle anderen Kontakte. Aber ich bin auch privilegiert. Wir haben einen großen Garten, so dass man es ganz gut zu Hause aushält.


Ihr Forschungsbereich sind vor allem antibiotikaresistente Bakterien und nosokomiale Infektionen – was lässt sich aus Ihrer Forschung, zum Beispiel zu Überwachungssystemen, gut in die Virus-Pandemie-Bekämpfung übertragen?

Petra Gastmeier: Wir haben vor vielen Jahren das Krankenhaus-Infektions-Surveillance-System (KISS) entwickelt. Hintergrund war und ist, dass man sich mit den aufgetretenen Infektionsereignissen im eigenen Krankenhaus auseinandersetzt und in jedem Einzelfall analysiert, ob die Infektion vermeidbar gewesen wäre. Das machen wir natürlich seit Beginn der Pandemie auch sehr intensiv bei jedem Einzelfall einer nosokomialen COVID-19-Infektion bei Patienten oder Personal, um noch existierende Schwachstellen zu identifizieren und abzustellen. Dazu muss man natürlich auch jeweils sehr gut nachvollziehen können, welche Patienten wann in welchem Zimmer gelegen haben, welche Mitarbeitende sich um diese Patienten gekümmert haben, ob alle bei Aufnahme bzw. regelmäßig getestet wurden usw. – da sind wir wieder bei der Notwendigkeit einer funktionierenden digitalen Infrastruktur.


Gerade die multiresistenten Keime zeigen ja, wie hartnäckig Infektionserreger uns begleiten können. Was müssen wir tun, um uns auf einen langfristigen Umgang mit COVID-19 einzustellen?

Petra Gastmeier: Ja, und sie bedingen auch einander. Während die normale durchschnittliche Liegedauer der Patienten auf Intensivstationen nur drei bis vier Tage beträgt, haben COVID-19-Patienten eine ungleich längere Liegedauer auf diesen Stationen. Damit und wegen der langen Medikation während der Behandlung kommt es zur Selektion von multiresistenten Erregern. Ich hatte schon die Notwendigkeit der baulichen Optimierung angesprochen. Ein Patient mit einer ECMO auf einer Intensivstation benötigt sehr viel mehr Platz als ein normaler Intensivpatient. Die Ausstattung mit Einbettzimmern und raumlufttechnischen Anlagen muss deutlich verbessert werden. Krankenhäuser müssen baulich optimiert werden. Das wichtigste ist aber natürlich die Personalausstattung und die gute Qualifikation des Personals. Auch die Wertschätzung für gutes Reinigungspersonal muss sich verbessern.


Wie ist Ihrer Auffassung nach der öffentliche Gesundheitsapparat – insbesondere die Krankenhäuser – darauf eingestellt?

Petra Gastmeier: Ich denke, noch nicht ausreichend. Viele glauben, dass es irgendwann wieder wie früher sein wird. Das wird aber nicht so sein. Es muss klar sein, dass in das Personal, die Krankenhäuser und die Digitalisierung mehr investiert werden muss.

 

Die Fragen stellte Thorsten Engelhardt aus der Unternehmenskommunikation.

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1 Stiller et al. Bundesgesundheitsblatt

 

Zur Person

Prof. Dr. Petra Gastmeier studierte in Halle und Berlin Medizin. 1985 schloss sie ihre Promotion am Institut für Hygiene der Charité ab, 1999 habilitierte sie sich zum Thema Nosokomiale Infektionen in der Intensivtherapie: Möglichkeiten und Grenzen eines Surveillance-Systems. Die mehrfach mit Fachpreisen ausgezeichnete Hygienikerin ist seit 2008 Direktorin des Instituts für Hygiene und Umweltmedizin der Charité und leitet das Nationale Referenzzentrum für die Surveillance von nosokomialen Infektionen. Außerdem arbeitet sie unter anderem in Kommissionen des Robert-Koch-Instituts und in Beratergremien der Weltgesundheitsorganisation WHO mit.