Coronavirus

22.12.20

COVID-19: NIEDERGELASSENE ÄRZTE ERLEBEN STARK VERUNSICHERTE PATIENTEN

Mediziner und Reha-Fachleute tauschen sich bei einer Online-Tagung der Ecclesia Gruppe über Erfahrungen in der Pandemie-Bekämpfung aus

Angst und Unsicherheit im Umgang mit der COVID-19-Pandemie sind in der Bevölkerung groß. Das spüren vor allem die als Hausärzte arbeitenden niedergelassenen Fachärztinnen und Fachärzte. Darüber hinaus rückt für die Vertragsärzte der Krankenkassen und die Reha-Medizin die Behandlung der Patienten mit Langzeitproblemen nach einer COVID-19-Erkrankung in den Mittelpunkt.

Das sind zwei Erkenntnisse aus einer Online-Tagung von rund 100 Vertretern des ambulanten Gesundheitswesens, die der auf diesen Sektor spezialisierte Versicherungsmakler Ecclesia med gemeinsam mit der GRB Gesellschaft für Risiko-Beratung organisiert hatte. Beide Unternehmen gehören zu der in Detmold ansässigen Ecclesia Gruppe, dem größten deutschen Versicherungsmakler für Unternehmen und Institutionen.


Welche Konzepte haben sich im Umgang mit der Pandemie bewährt? Wo zeigen sich neue Fragen, die noch beantwortet werden müssen? Diese Themen untersuchten Nadja Bürger, Geschäftsführerin der Ecclesia med, und Dr. Peter Gausmann, Geschäftsführer der GRB, gemeinsam mit Referentinnen und Referenten aus dem Aktionsbündnis Patientensicherheit (APS), dem Berufsverband der Deutschen Chirurgen (BDC), dem Verband operativ tätiger Privatkliniken (VOP) und dem Bundesverband ambulanter medizinischer Rehabilitationszentren (BamR).


Dr. Irmgard Landgraf, Vorstandsmitglied des Hausärzteverbands Berlin und Brandenburg und des APS, lenkte den Blick zunächst auf ein Feld, das in Zusammenhang mit der COVID-19-Pandemie bisher nicht im Mittelpunkt stand: Immer mehr Patientinnen und Patienten dächten darüber nach, welche Maßnahmen sie im Falle eines schweren COVID-19-Verlaufs zulassen wollten und welche nicht. Sie seien durch die mediale Berichterstattung aufgerüttelt. Entsprechend gehe es auch bei Gesprächen der Patientinnen und Patienten mit den niedergelassenen Fachärzten derzeit häufig um Fragen zu einer Patientenverfügung oder zu einer ergänzenden Verfügung über Notfallmaßnahmen.


Ohnehin sei in den Praxen die Beratungsintensität durch COVID-19 gewachsen, weil die Pandemie viele Ängste bei den Patientinnen und Patienten hervorrufe. „Gerade den Hausärzten kommt in der Pandemie-Bekämpfung damit eine Schlüsselrolle zu, sie müssen die Gesundheitskompetenzen ihrer Patienten stärken“, sagte Dr. Landgraf. Das Vergütungssystem des ambulanten Gesundheitswesens berücksichtige das nicht angemessen.


Neben dieser beratenden Aufgabe sieht die Berliner Ärztin noch ein zweites Thema auf die Praxen und die Reha-Medizin zukommen: Die Therapie derjenigen, die mit Langzeitfolgen einer COVID-19-Infektion zu kämpfen haben. Einige Patienten erlebten über mehrere Monate hinweg wellenartig immer wieder Symptome wie Kurzatmigkeit, Erschöpfung oder Kopf-, Glieder- und Bauchschmerzen. Auch Ängste und Wortfindungsstörungen kämen vor.


Gemeinsam mit seiner Kollegin warb deshalb Dr. Ralf-Dieter Schipmann für eine enge kommunikative Verzahnung aller Sektoren der Gesundheitsversorgung. Der Chefarzt der Klinik für Pneumologie und Kardiologie der Klinik Martinusquelle im Medizinischen Zentrum für Gesundheit Bad Lippspringe berichtete von einem hohen Betreuungsaufwand der COVID-19-Patienten in der Reha, weil die Krankheit auf viele Teile des Körpers einwirke. Die medizinische Nachbehandlung im ambulanten Bereich müsse auch darauf eingestellt sein.


Ängste der Patienten in Bezug auf die Sicherheit einer Behandlung in COVID-19-Zeiten hat Konstantinos Kafritsas erlebt. Der Vorsitzende des Verbands operativ tätiger Privatkliniken setzt in seiner Klinik auf eine offensive Kommunikation nach innen und außen, um dem zu begegnen. Die eigenen Mitarbeitenden versorge er in einer Chatgruppe mit Informationen, die Patienten würden über die Homepage seiner Klinik und die Sozialen Medien auf dem Laufenden gehalten. Das habe das Vertrauen zurückgebracht, schilderte Konstantinos Kafritsas.


Eine originelle Idee für das Wartezimmer-Management brachte Dr. Peter Kalbe ein, der Vizepräsident des Berufsverbands der Deutschen Chirurgen. In seiner Rintelner Praxis stattet er die Patientinnen und Patienten mit Pagern aus, wie sie in Schnellrestaurants eingesetzt werden, um die Gäste zum Abholen ihrer Speisen an den Tresen zu rufen. So können die Hilfesuchenden zum Beispiel im eigenen Fahrzeug warten, und es kommt nicht zu Problemen bei der Einhaltung der Abstandsregeln in der Praxis.


Oliver Maehl, Geschäftsführer des Rehabilitationszentrums Reha Süd in Freiburg, hat hingegen eigens ein Gerät für die Auswertung von COVID-19-Tests angeschafft, sodass die Mitarbeitenden schnell getestet werden können. Außerdem filtern Luftreiniger im Herz-Kreislauf-Trainingsbereich die Atemluft, um die Verbreitung von Viren zu verhindern. Auf diese Weise erhöhe das Unternehmen den Schutz von Patienten und Mitarbeitenden und erhalte gleichzeitig die eigene wirtschaftliche Leistungsfähigkeit, weil das Training weiter angeboten werden kann.


Die Schlussfolgerungen aus allen Vorträgen zogen Nadja Bürger und Dr. Peter Gausmann: Dem vertragsärztlichen und rehabilitationsmedizinischen Bereich falle in der Pandemiebekämpfung und bei der Stärkung der Gesundheitskompetenzen der Patientinnen und Patienten eine wesentliche Rolle zu. Damit das Vorhaben gelinge, sei es notwendig, eng mit den Gesundheitsbehörden zusammenzuarbeiten und die Kommunikation in alle Richtungen auszubauen: innerhalb des eigenen Gesundheitssektors und mit den angrenzenden Sektoren der Gesundheitsversorgung, außerdem natürlich mit den Patientinnen und Patienten und ihren Angehörigen. Nicht zuletzt sollten Vertragsärzte und Reha auch auf die Kommunikation in Richtung der Medien vorbereitet sein. „Die Tagung hat praxiserprobte Lösungen für die großen Herausforderungen aufgezeigt, die mit der COVID-19-Pandemie auf den vertragsärztlichen Sektor zugekommen sind“, fasste Nadja Bürger zusammen. „Das haben die insgesamt sehr positiven Rückmeldungen bestätigt.“


Die Auswirkungen der COVID-19-Pandemie auf den ambulanten Gesundheitssektor sind auch Thema einer Studie der Universität Köln. Erste Ergebnisse sind hier zu finden: https://covid-gams.uni-koeln.de/aktuelles/

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